Raus

Bewegungszwang und andere kaputte Zeit

Zum Einstieg

Sommer 2017. Obwohl alle Fenster geschlossen sind, kann ich die Vögel draußen zwitschern hören. Die Sonne scheint auf ein Maximum, sie steht hoch am Himmel und blendet Fußgänger, die keine Sonnenbrille oder Schildmützen tragen. Wahrscheinlich riecht es nach Blumen, oder nach Chlor, oder (dafür gebe ich persönlich meine Stimme ab) nach gemähten grünen Rasen. Meine Arme jucken, weil ich die letzte Sonnencreme nicht abwaschen wollte. Und meine Kopfhaut juckt, weil ich Sonnenbrand habe. Mir ist heiß, zu heiß. Trotzdem kann ich nicht ins Schwimmbad gehen. Trotzdem kann ich mich hier und jetzt nicht unter die Dusche stellen oder mich in einem kühlen Kinosaal beruhigen. Ich kann mit keinen Freunden im Park unter einem schattenspenden Ahornbaum sitzen. Ich kann keine Wassermelone oder, Gott bewahre, ein Eis essen.

Stattdessen schwinge ich mich auf den Hometrainer, der in unserem Wohnzimmer steht.

Zum zweiten Mal an diesem Tag. Zum zweiten Mal von drei Mal. Wie immer.

Einmal morgens, einmal mittags, einmal abends.

Und ein Workout. Manchmal. Und falls ich es nicht mache, bin ich von mir enttäuscht. Auf mich wütend. Fühle mich dick und dicker und am dicksten.

Ich muss es tun. Ich muss meine Beine Kilometer für Kilometer durch einen imaginären Wald treten lassen, solange, bis es wehtut, bis ich meine Schenkel nicht mehr fühle und mir der Kopf schwirrt. Der Schweiß rinnt mir ununterbrochen über die Stirn und den Rücken und die Arme. Alles ist nass, klebt und wird schwer. Zieht mich hinunter und ich muss mich selbst wieder hochziehen.

Mir ist heiß, zu heiß. Aber ich muss weiter.

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Zum wichtigen Teil

Wann ist man nur gerne aktiv und wann beginnt die Sportsucht? Vor allem bei Essstörungen ist der Übergang fließend, ein Prozess, den man unmöglich im Zaum halten kann. Sport wird neben der Ernährung zur Waffe Nummer 1, um den eigenen Körper zu malträtieren und den weltfremdesten Wunschvorstellungen Raum zu geben.

Ich habe lange gedacht, wenn ich nur ausreichend esse und meinen Eltern das auch ja immer wieder unter die Nase reibe, könnte ich mit Hilfe des Sports für, naja, im Grunde für ewig in meinem krankhaften und dünnen Ich bleiben. Wahrscheinlich habe ich damals nicht haargenau auf diese Art und Weise darüber nachgedacht, wahrscheinlich habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht und es einfach getan. Zeitweise war mir gar nicht bewusst, wie sehr und wie tief ich in diesem Teufelskreislauf der Essstörungen noch steckte und mir selbst gesundheitlich, sowie auch psychisch und sozial ein Bein (oder auch zehn) stellte. Anfangs war Sport, allen voran Ausdauersport wie Hometrainer, Joggen und Seilspringen, eine Auszeit von Verpflichtungen und Stress. Habe ich für die Schule irgendwelche seitenlangen Informationen in- und auswendig lernen müssen, war Fahrradfahren die einzige Stunde am Tag, an der ich nicht mit Vokabeln und Formeln um mich geschmissen habe. Ich hatte in meinem Kopf verankert, dass ich meine Freizeit sinnvoll nutzen musste und dass das Lesen eines Buches oder das Binge-Watchen einer Netflixserie nicht dazu gehörten. Sport war die Ausnahme, es machte für mich Sinn, weil ich es für meinen Körper machte, genauso wie ich extremes und perfektionistisches Lernen für meinen Kopf machte.

Tatsächlich war ich vor einem kompletten Nervenzusammenbruch, falls ich einmal nicht meinen fest eingeplanten Sport durchführen konnte. Verzicht in jeder Hinsicht, nur nicht in dieser. Selbst, wenn es bloß eine Einheit von drei war, fühlte ich mich dann unwohl und wurde unglaublich schnell gereizt und wütend. Wie sich jetzt wahrscheinlich jeder denken kann, kommen mit diesem, wie auch mit jedem anderen Zwang, bestimmte Komplikationen mit sich – denn mehrere Stunden Sport am Tag müssen immerhin irgendwo ihren Platz finden und dafür können auch gerne mal andere Dinge in den Hintergrund rutschen. Freunde habe ich sowieso nie gesehen, selbst meine Hauskatzen waren nach außen sozialer als ich. Und ich bin nicht gerne verreist, nicht einmal für einen Tag. Lange Schultage wurden zu meinem absoluten Horrortrip, ich glotzte partout auf die Wanduhr, war nervös und rechnete mir aus, wieviel Zeit ich nun für Sport und wieviel für Lernen hergeben konnte. Was die ganze Situation nicht besser machte, war die Tatsache, dass ich vor und nach dem Essen immer eine Stunde verstreichen lassen wollte. Zu nahe an Mahlzeiten, wäre Training nicht effizient genug. Ich war im Dauerstress. Musste auf die Sekunde genau dieses und jenes tun und war emotional total instabil und kaum belastbar.

Routine war mein Heiligtum. Änderungen eben dieser waren mein Untergang.

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Das ist auch der Grund, warum mein Leben eine leere, langweilige, weiße Wand wurde. Ich erlebte nichts mehr, ich machte immer nur dasselbe, Tag ein und Tag aus. Lernen und Sport und Lernen und hie und da was essen, um zu zeigen, wie gut es mir doch ginge. Ich fühlte mich unglaublich einsam und verlassen, aber mir fehlte die Kraft, das in den Griff zu bekommen. Manchmal weinte ich, manchmal war ich so wütend, dass ich nicht sprechen wollte und meiner Mutter absichtlich Probleme machte.

Es tut mir leid, Mama. Es tut mir leid, Papa. Es tut mir leid, Welt.

Im Nachhinein finde ich es absolut schrecklich (in Wahrheit beschreibt es dieses Wort nicht einmal annähernd), was ich mir da angetan habe. Wie ich Jahre meines Lebens mit Essstörung und Sport verstreichen ließ und verschwendete. Mehr ist es nicht. Es ist Verschwendung. Es ist kaputte Zeit.

Irgendwann ging bei mir ein Licht aus. Ich erlosch. Einfach so. Ich hatte keine verdammte Kraft mehr, für gar nichts, weder für Schule, noch für Sport, noch für mich selbst. Es gab Situationen, in denen verpuffte jene Energie, die meine Augen öffnete. Es und ich funktionierten nicht mehr, es war zu viel. In einem Moment war ich da und im nächsten ging ich verloren. Emotional kaputt. Körperlich kaputt. Einfach kaputt.

Es half nicht, den Sport zu reduzieren. Was half, war, ihn komplett zu streichen. Radikal und sofort. Hier und jetzt. Zu verstehen, was es mir gibt und was es mir geben sollte.

Bewegung sollte Spaß machen und kein Mittel zum Zweck sein. Habe ich keine Energie, mache ich ihn nicht. Habe ich keine Lust, dann sowieso nicht. Sport definiert uns nicht, genauso wenig wie es unser Körper oder prinzipiell unser Aussehen tut. Vielleicht redet uns das irgendwer in dieser teils verzerrten Gesellschaft ein, aber im Grunde ist es eine dumme, dumme Lüge.

Und um diesen Schritt weg vom Zwang zu schaffen, muss man nicht erst einen Kollaps erleiden und dem Licht am Ende des Tunnels beängstigend nahekommen. Zieh die Notbremse. Zieh diese verdammte Notbremse und schrei diesem kranken Verhalten ins Gesicht und trete ihm meinetwegen auch in den nicht vorhandenen Hintern. Tu es. Tu es einfach.

Radikal und sofort. Hier uns jetzt. Es geht, es funktioniert. Und ja, vielleicht ist es leichter gesagt, als getan, aber danach wirst du erst merken, was du alles verpasst hast und was du plötzlich alles haben kannst. Denn das Leben besteht aus so vielen unglaublich schönen Momenten. Und Essstörungen und Sportzwang sind keine davon. Sie sind es nicht. Sie werden es nie sein.

 

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