Das Instagram Extrem

Wir herzen und kommentieren und folgen – durch eine Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, versehen mit dem Versprechen, etwas nur fest genug wollen zu müssen. Drängen uns an Bildschirme voller Geschichten, die uns glauben machen, wie einfach und doch glamourös das Leben sein könnte. Wir brauchen Stunden für den perfekten Schnappschuss. Kontrollieren jede unserer Bewegungen, warten auf das richtige Licht und verrenken uns den Hals für den originellsten Winkel. Ganz zufällig streuen wir einzelne Haferflocken neben unser Frühstück, klettern auf Stühle, um den Teller von oben zu fixieren. Ob das Essen anschließend kalt ist, spielt keine Rolle – es spielt für das Foto, das wir extra für Instagram und unsere Gefolgschaft geschossen haben, keine Rolle. Den guten, alten Haferschleim von früher gibt es nicht mehr, er heißt jetzt Porridge, und in der digitalen Welt bleibt Porridge gleich Porridge, das Auge isst mit und in diesem Fall isst eben nur das Auge. Wer hier nicht gewinnorientiert denkt, ist draußen. Wer ganz und gar authentisch bleibt, verliert.

Stattdessen drücken wir aus: Klar! Ich ernähre mich extrem gesund und vor allem vegan. Ja! Ich arbeite kaum und habe trotzdem genug Geld, um mir alles zu kaufen. Natürlich! Ich fühle mich so gut dabei, Tag ein und Tag aus Sport zu treiben. Aber hallo! Ich fahre öfters mal eben so um die halbe Erdkugel und an die abgefahrensten Orte, die es gibt.

Wir drücken nicht aus: Essen? Dieser grüne Schleim da ist unglaublich eklig, vielleicht landet er sogar im Müll. Geld? Das habe ich von all den Firmen und Kooperationen, dessen Produkte ich ehrlich gesagt gar nicht mag. Sport? Klar, Fotos im Fitnessstudio gehen immer und für diesen Körper hungere ich mich eben zu Tode. Und Reisen? Wer etwas sein will, muss auch was präsentieren können, dafür breche ich mir beim Klippenspringen gerne mal den Hals.

Fotos auf Instagram erfüllen schon lange nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck des Teilens von realen Momenten. In Wahrheit sind sie bis ins kleinste Detail durchgeplant.

Erst kürzlich kamen britische Forscher zu dem Ergebnis, dass sich Social Media negativ auf unsere Psyche auswirken kann. Normalität bietet den Nutzern sozialer Netzwerke nichts großartig Neues oder Aufregendes. Jeder macht Fehler und es ist menschlich seine schwachen Momente zu haben und vielleicht nicht alles immer auf die Reihe zu bekommen. Nur hat das online vergleichsweise wenig Platz. Schwäche und Fehlbarkeit sind fast schon ein Tabuthema. Neben makellos bearbeiteten Fotos und überdurchschnittlich dünnen und/oder muskelbepackten Körpern ist es schwierig zwischen Wirklichkeit und Scheinwelt zu unterscheiden. Vergleiche stehen also an der Tagesordnung und diese führen nicht selten zu dem Gefühl, man sei nicht gut genug und müsse disziplinierter werden. Schon Kinder und Jugendliche finden sich selbst zu dick, zu hässlich, zu dumm oder grundsätzlich benachteiligt im Gegensatz zu anderen.

Ständig damit konfrontiert zu werden, lässt uns glauben, jeder hätten ein besseres Leben und wir würden irgendwie immer etwas falsch machen. Folgen von solchen Ängsten und negativen Gefühlen sind vor allem Essstörungen, Depressionen und chronischer Stress, die mit Perfektionismus einen hergehen. Das Problem ist grundsätzlich nicht das soziale Netzwerk selbst, es ist schuld, wer sich darin befindet und partout denkt, sich selbst übertreffen zu müssen. So gesehen sind wir es, die die Schwierigkeiten erst raus aus dem Virtuellen in die Wirklichkeit schleppen. Oder?

Es ist unmöglich, hinsichtlich dieser Frage konkrete Grenzen zu setzen und zu unterscheiden, was der Mensch und was Social Media verbrochen hat – schlussendlich braucht es immer zwei und diese Zwei sind nun einmal wir als Nutzer des Internets und das Internet selbst. Da es in unserer heutigen Zeit (leider) nicht weiter verwunderlich ist, kopfgesenkt und auf sein Handy starrend durch die Gegend zu laufen und sich dabei nicht einmal bewusst zu sein, wer oder was da vielleicht gerade auf einen zukommt (ein fahrendes Auto sieht den Menschen nicht als Barriere, es wird ihn umnieten) – ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass unsere Gesellschaft keinen Grund darin erkennt, Maßnahmen gegen diesen Wahnsinn zu ergreifen. Denn das rege Treiben auf Instagram und Co. mag zuerst womöglich nicht lebensgefährlich erscheinen, aber, betrachtet man die ganze Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel, nämlich aus dem Winkel der Selbstmord betreibenden und jämmerlich gequälten, die sich krampfhaft das Leben anderen Instagramer wünschen – tja, dann ist es nicht mehr ganz so harmlos. Natürlich muss man sich an dieser Stelle fragen, ob solche labilen Menschen, dessen Leben für sie keinen Sinn mehr ergibt, früher oder später sowieso aufgegeben hätten. Darauf gibt es keine Antwort, keine Antwort, die für uns alle übernommen werden kann und selbst wenn es eine Antwort gäbe, ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich sie kennen möchte.

Instagram war nicht immer so groß. Es war nicht immer so perfekt geplant und perfekt gelebt. Überraschenderweise wurde diese Plattform erst vor nicht einmal acht Jahren gegründet und obwohl sie seither immens gewachsen, wenn nicht sogar explodiert ist, scheint ein wenig alter Glanz noch vorhanden zu sein. Besonders seit den letzten zwei Jahren entscheiden sich immer mehr Nutzer, eine kleine Auszeit von Instagram zu nehmen – sie wenden sich den wichtigen Dingen im Leben zu, schalten ihr Handy aus und nutzen es nur im äußersten Notfall. Wahrscheinlich ist es das, was ihnen vor Augen führt, was gut und was weniger gut läuft. Im echten, aber auch im virtuellen Leben. Es bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht wieder zurückkommen, dass sie Social Media den Rücken zukehren und es mit einem nie endenden Hass betiteln.

Während zur Ära eines zwanghaften säuberlich dokumentierten Lebens, alle Tage, Nächte, Momente, einfach alles öffentlich lag und von jeder Person im Instagram Feed eingesehen werden konnte, fühlte man sich in dieser Welt sicher. Diese Bilder erzählen alles, nur unsere eigenen Worte können es nicht. Wie kann das sein? Immer, während man sich durch die Profile von Freunden und Bekannten klickt, hat man unweigerlich das Gefühl, wieder ein Lebenszeichen von sich geben zu müssen. Und umso schwieriger ist es, Bilder zu sehen, auf denen man nicht teilnimmt – man an einem anderen Ort festsitzt und nicht mit ihnen „Spaß“ haben kann.

Genau deshalb ist ein „Instabreak“ eine erfrischende Abwechslung zwischen Stress und den vermeintlichen Verpflichtungen. Ja. Es schleicht sich immer wieder ein, das Instagram-Feed Checken, das Liken, Kommentieren und natürlich auch das Posten. Was man trotz diesem Drängen tun kann:

Zu lernen, was man mit dem Internet teilt

– und was nur mit guten Freunden, beim Quatschen und Lachen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Iris sagt:

    Mit dem Text hast du wirklich ins Schwarze getroffen und die Zweiseitigkeit von Instagram perfekt ausgedrückt!

    Gefällt mir

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